Depressionen und Gesellschaft

Vorgestern saß ich im ICE und wusste mit meiner Zeit nicht wirklich etwas anzufangen. Nach lesen war mir nicht, auf dem iPad im Internet surfen auch nicht wirklich. Ich saß alleine an einem Tisch-Platz. Schaute man durch den Waggon, so war die erste Klasse an diesem Tag nur sehr spärlich gefüllt. Es herrschte eine entspannte Stille. Zufrieden zurück gelehnt schaute ich der Landschaft zu, wie sie mit fast 300 km/h am Fenster vorbei raste. Irgendwann wurde ich auf ein Gespräch zwischen einer Frau und einen Mann aufmerksam. Meiner Vermutung nach ein Ehepaar. Oder zumindest etwas gleichgestelltes. Die beiden saßen schon seit ein paar Stunden dort. Ich weiß nicht wieso ich just in diesem Moment auf das Gespräch der beiden aufmerksam wurde. Natürlich schickt es sich nicht, fremden Gesprächen zu lauschen. Aber mal ehrlich: Wer von uns hat noch nie im Bus oder in der Bahn seine Aufmerksamkeit auf umsitzende Personen und deren Unterredung gelenkt? Wissbegierig und von Neugierde angetrieben, völlig fremde Menschen belauschen, ist doch irgendwie normal. Die dekadente Schickeria mag zwar jetzt entsetzt die Augenbrauen hochziehen und mir einen Sitzplatz an ihrer weißen Tafel verwehren, doch glauben sie mir: Diejenigen sind meist die schlimmsten.

Aber dieser Text soll keine Doktorarbeit über gesellschaftliche Gepflogenheiten werden, daher zurück zum eigentlichen. Die beiden schienen über ihren Sohn zu reden; jedenfalls wäre dies dem Gesprächsverlauf nach zu urteilen schlüssig. Offensichtlich (Gibt es das Wort „offenhörig“? Ich glaube nicht…) scheint jener Sohn die elterlichen Gefilde verlassen zu haben und auf eigenen Beinen mehr oder minder fest im Leben zu stehen. Sein Verhältnis –zumindest zum Vater- scheint angespannt zu sein. „Meine Mutter hat erzählt der Paul ist schon seit vier Wochen krankgeschrieben. Schön dass ich das von meiner Mutter erfahren muss. Habe ihn gestern Abend versucht anzurufen aber er geht nicht ran. Hast du was gehört?“ sagte der Mann. Seine Frau antwortete „Ja ich habe mit ihm gesprochen. Er leidet momentan unter wohl heftigen Depressionen und ist auch in Behandlung“. Fragt mich nicht wieso, aber irgendwie ahnte ich was nun kommt. „Depressionen?! Ich dachte schon er hätte was ernsthaftes. Wie will der denn zu Depressionen kommen? Wenn ich diesen Blödsinn höre… Der soll weniger an seinem Handy rumfummeln und sich auf die Arbeit konzentrieren – Und sich nicht solche Hirngespinste einreden!“. Der Kandidat hat 100 Punkte! Ich lag mit meiner Vorahnung exakt richtig. Manchmal muss man einem Menschen nur wenige Minuten zuhören, um zu sehen wie er tickt.

Ich unterdrückte meine Wut über seinen verbalen Erguss in dem ich die Fingernägel in der Armlehne festkrallte und mit den Zähnen knirschte. In jenem Moment drehte ich mich auch kurz um, in der Hoffnung, einen kurzen Blickkontakt zu bekommen um auf diesem Wege non-verbal meine Begeisterung über eine solche Haltung zu zeigen. Doch ich hatte kein Glück. Vielleicht war es aber auch gut so. Würde man bei Wikipedia nach „Stigmatisierung des negativ-behafteten und verschlossenen Meinungsbild Depressionen gegenüber“ suchen, bekäme man wohl ein großes Foto dieses Herren angezeigt. Innerlich war ich kurz davor ihn anzuzünden und bei voller Fahrt aus dem Fenster zu werfen. Solche Aussagen zeugen nicht nur von mangelnder Bildung und mangelndem Respekt, sondern auch von absoluter Voreingenommenheit und Ahnungslosigkeit. Man könnte meinen, er baut sein Meinungs- und Weltbild auf den Weisheiten eines großen deutschen Boulevard-Blattes mit vier Buchstaben auf. Ich hätte in diesem Moment echt Brocken kotzen können. Und dies ist noch sehr harmlos ausgedrückt. Glücklicher Weise war mein Zielbahnhof schon bald erreicht, so dass ich nicht in Versuchung kommen konnte einen „Kommentar“ abzugeben oder mich gar in den Dialog der beiden einzumischen. Da ich jedoch kein Monopol auf Meinungsbildung besitze, steht mir eine Einmischung auch irgendwo nicht zu.

Aber wisst ihr was? Es ist noch nicht mal diese Aussage des Herren XY welche mich so verärgert und schockiert. Nein, es ist vielmehr die Ursache wie man überhaupt zu einer solchen Meinung kommt. Ich dachte damals wirklich, als der tragische Tod und dessen Ursachen vom Profifußballer und Ex-Nationaltorhüter Robert Enke die Schlagzeilen dominierten, es käme zu einem Umdenken in der Gesellschaft. Zu mehr Toleranz. Zu mehr Sensibilität gegenüber diesem Thema. Zu weniger Ablehnung, Vorverurteilung oder gar Hohn und Spott. Doch jetzt, 8 Jahre nach diesem tragischen Vorfall, muss ich feststellen, dass ich zu gut über die Menschheit und unsere Gesellschaft gedacht habe. Auch wenn man in der ersten Zeit nach dem Suizid-Tod das Thema „Depressionen“ etwas sensibler und mit mehr Ernsthaftigkeit betrachtete, so ist heute davon nichts mehr zu spüren. Dieser Herr demonstrierte einmal wieder eindrucksvoll, welche Meinung in vielen Köpfen wirklich herrscht. Depressionen sind keine Hirngespinste. Keine Lappalien. Keine Einbildung. Sie sind eine absolut ernstzunehmende Erkrankung. Eine Erkrankung wie Krebs, wie Demenz, wie ALS, wie Morbus Cron, wie Hepatitis – Hier geht es jetzt nicht darum welches der gerade genannten Krankheitsbilder „schwerer“ ist. Es geht mir darum, zu zeigen, dass all die genannten Sachen eines gemeinsam haben: Sie sind Erkrankungen.

Ich persönlich glaube, dass wir Krankheiten, die nicht sichtbar, darstellbar oder fühlbar sind, einfach nicht als eine solche sehen. Eine Depression kann man nicht sehen. Man sieht sie auf keinem Röntgenbild und in keinem Bluttest. Doch nur weil man die Erkrankung nicht „sieht“, heißt es noch lange nicht, dass diese nicht existent oder weniger schlimm ist. „Schlimm“ ist ohne Frage eine Sache der Definition. Eine Fraktur, ein Virusinfekt oder eine Hepatitis können einen nicht in den Suizid führen. Eine Depression schon. Schaut man sich Statistiken oder einzelne Fälle mal etwas genauer an, wird man feststellen, dass ein (versuchter) Suizid sehr oft im Zusammenhang mit einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung steht. Schaut man sich heutzutage mal die Ursachen für eine Krankschreibung an, sieht man, dass ein großer Teil auf Grund von psychischen Erkrankung erfolgen. Warum nimmt diese Form der Erkrankung immer weiter zu? Nun ja, darüber kann man streiten. Für mich steht jedenfalls fest, dass die Welt und seine Gesellschaft immer schneller, herausfordernder, anonymer und rücksichtsloser werden. Bei der teilweise herrschenden Meinung zu psychischen Erkrankungen darf man sich nicht wundern, dass viele nicht den Mut besitzen sich dazu zu bekennen, mit jemanden darüber sprechen oder sich professionelle Hilfe zu suchen. Man selbst isoliert sich immer mehr und ein Teufelskreislauf entsteht.

Ich könnte mal ein paar weitere Negativbeispiele (zum Beispiel in Form von Tweets zu diesem Thema) hier aufführen, jedoch möchte ich Menschen die sich über psychisch erkrankte Personen lustig machen, sie teilweise sogar diffamieren oder beleidigen, keine Bühne bieten. Man kann nach außen immer den großen Starken markieren – Wie es aber in Wahrheit in einem aussieht, weiß nur jeder selbst. Es muss einfach ein Ende haben, dass sich Menschen nicht mehr trauen sich Hilfe zu holen, aus bloßer Angst ausgegrenzt oder abgestempelt zu werden. Depressionen sind eine sehr individuelle, tiefgründige und persönliche Sache. Aber wenn man solchen Menschen mit Respekt, Achtung und Ernsthaftigkeit begegnet, kann man nie etwas falsch machen. Ein Mensch der zu Dir sagt „Ich leide an Depressionen!“ zeigt keine Schwäche. Er zeigt Stärke! Es ist ein Hilferuf. Erwidert man diesen mit Hohn und Spott, überlegt sich der Betroffene zukünftig zweimal, ob er sich jemanden anvertraut oder nicht. Man sollte auch stets bedenken, dass depressiv erkrankte nicht über die psychische und emotionale Stabilität verfügen wie es gesunde Menschen tun. Man legt vielleicht Wörter auf die berühmte „Goldwaage“. Auch das Selbstvertrauen leidet.

Jemanden einfach mal die Hand zu halten, zuzuhören oder in den Arm zu nehmen bewirkt manchmal mehr wie 1000 Worte. Ein jeder von uns kann seinen Teil dazu beitragen, dass sich das gesellschaftliche Bild endlich mal zum positiven verändert.

2 Kommentare zu “Depressionen und Gesellschaft

  1. Danke für diesen tollen Text. Ich leide selbst schon einige Jahre unter episodischer Depression und kann das hier geschriebene so bestätigen. Ich würde mir auch wünschen, dass diese Stigmatisierung endlich aufhört und Depressionen ernst genommen werden.

  2. Als zahnärztliche Kollegin und immer noch um Rente kämpfende Betroffene danke ich Ihnen herzlich für Ihr Statement und Ihre Intention, auf dieses schleichende, periodisch wiederkehrende Übel aufmerksam zu machen. Gerade auch chronisch Schmerzerkranktsein ist eng mit Depression verbunden. Nur durch offene, wiederholte Sensibilisierung und Aufklärung kann das Umfeld lernen, das Bild zu erkennen, dem Rückzug Betroffener die Stirn zu bieten und adäquater Gesprächspartner zu sein. Der Gang zum Psychiater ist ganz sicher kein leichter, aber die Verordnung von Antidepressiva sowie Verhaltens- und Gesprächstherapie sollten immer Mittel der ersten Wahl sein. Der Suizid als „Finalstadium“ der Depression ist immer auch ein gesellschaftliches Problem.

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